Das Klima in dir. Lesenotiz

Es ist bereits zu spät. Die Klimakatastrophe lässt sich nicht mehr abwenden, wir sind mittendrin. Es wird Zeit entsprechend darüber nachzudenken. Zwischen Philosophie und Kunst erklärt Timothy Morton in seinem Buch Ökologisch sein, dass wir – die Menschen – ein Trauma durchlebt haben, als wir uns über die Natur und andere Lebewesen stellten, sie zu Objekten und zu unserem Besitz machten. Wollen wir das Massenaussterben – das jetzt stattfindet – aufhalten, müssen wir wieder zu unserer Verbundenheit mit der Welt zurückfinden.

Morton wählt verschiedene Zugänge, um immer auf das gleiche hinaus zu wollen: So wie wir uns heute die Welt machen, entspringt einer Zeit der ersten Ackerbaugesellschaften, die das Prinzip der Agrilogistik1 festlegten und Monotheismen, Patriarchat und hierarchisch organisierte Gesellschaften hervorbrachten. Planbarkeit stand im Vordergrund, weil das bloße Überleben auf der Tagesordnung stand. Die Herrschaft über die Zukunft wurde durch die Unterwerfung der Gegenwart und all ihrer Lebewesen beansprucht. Indem wir Gegenwart, Flora und Fauna in die Knechtschaft gezwungen und die Unterteilung in Gott/König und Normalos in Kauf genommen haben, begründeten wir ein statisches Verständnis von Raum-Zeit, überhöhten unsere Rolle auf dieser Welt, durchschnitten unsere „sozialen, philosophischen und psychischen Bande mit allem Nichtmenschlichen“ (S. 70) und manövrierten uns in ein kollektives Trauma. Um dieses Trauma zu heilen, müssen wir begreifen, dass wir ökologisch sind.

Begreifen

Wir befinden uns 2020 im Datenmüllmodus: wir müllen uns mit Daten und Informationen zu, als ob uns noch die richtige Information fehlt, um handeln zu können, wir befinden uns inmitten traumatischer Ereignisse und wissen nicht, wie damit umgehen (vgl. S. 22). Die Beschleunigung und das Übermaß an Infos rauben uns den Atem, hindern uns daran zu Spüren. Eine Iteration von einer Iteration von einer Iteration des Massenaussterbens, dessen Teil wir sind. Morton hat das Wort Hyperobjekte erfunden, um Dinge zu beschreiben, die so groß sind, dass wir nicht direkt auf sie zeigen können, d.h. sie nicht richtig begreifen, wie z.B. das Klima, die Evolution, die Biosphäre, die globale Erderwärmung, die über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte, auf der ganzen Erde, stattfindet. (S. 31) Anstatt an unseren Zusammenhang mit der Erde, glauben wir an etwas, das wir Objektivität nennen. Es gibt keine gleichberechtigte Beziehung mit unserer Umwelt. Gleichzeitig verstehen wir langsam, dass die Objektivität mit der wir die Natur betrachten – als abgeschnitten von uns, im Sinne einer Landschaft, etwas das wir durchwandern und genießen, aber nicht mit uns interagiert – immer ein interpretierender Blick ist. „In einem wissenschaftlichen Zeitalter zu leben bedeutet witzigerweise, dass man zunehmend mitbekommt, wie sehr man in seine Erfahrung eingeschweißt ist.“ (S. 33)2

Kümmern

„Taubheit ist ein Gefühl, das aufkommt, wenn man sich vor einen Schock schützen will“ (S. 43). Morton möchte, dass wir uns mehr Kümmern und weniger Sorgen machen. Der klingende Widerspruch ist Resultat jahrzehntelanger neoliberaler Ideologie, die die Sorge um die Zukunft zum rationalen Denken erhoben hat. Es geht aber nicht um die schlauste Einzelperson, die die schlausten Entscheidungen für sich und seine Kleinfamilie trifft. Es geht um geteilte Verantwortung, indem wir uns um Andere Kümmern, um Fremde wie um Freunde, Menschen, Tiere und Pflanzen, d.h. Lebewesen, mit denen wir vielleicht nicht unmittelbar und nur sehr entfernt verwandt sind. „Eine Urgroßmutter war ein Fisch, aber man selbst ist kein Fisch“ (S. 207). Wir sind ökologischer, indem wir das (sich) Kümmern und (sich) Verantworten zu einer kollektiven Sicht- und Seinsweise machen und zu einem Politikum, denn indem wir die Verantwortung teilen, werden wir sorgloser, da wir wissen, dass wir alle gleichermaßen involviert sind.

Morton ist Anhänger der OOO. Die Objektorientierte Ontologie geht davon aus, „dass es keinen vollständigen Zugang zu einer Sache in ihrer Ganzheit gibt“ (S. 44), strebt danach den Anthropozentrismus und den Mensch als Mittelpunkt loszuwerden, d.h. die Perspektiven anderer Lebewesen zu antizipieren und mit einzubeziehen.3 Die Klimakatastrophe haben die Menschen verursacht, sie sind jedoch nicht allein von ihr betroffen: „Was aber ist mit Schleimpilzen oder Würmern oder auch mit Bakterien? Die Erderwärmung ist auch für Bakterien hart, und zwar mit womöglich verheerenden Folgen für die Böden und durchaus desaströsen für den Menschen.“ (S. 196) Die Schuld liegt nicht bei dir oder mir, sondern bei uns. „Wenn man genau darüber nachdenkt, dann ist die Erderwärmung eine Anhäufung von Handlungen.“ (S. 67) Es ist ein Skalenproblem: ein Mensch, der sein Auto anlässt, ist kein Problem, aber je mehr Menschen ihre Autos anlassen, desto mehr wird es zum Problem; ein Mensch verursacht nicht die Erderwärmung, aber alle Menschen gemeinsam verursachen sie. (vgl. Ebda.)

Erbe

Die moderne Weltsicht entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als „veraltete und gewaltsame Monotheismen“ (S. 60), die Unterscheidungen zwischen Menschlich/Nicht-Menschlich, die Ausbildung sozialer Schichten und Klassensysteme, das Patriarchat und der Staat. Wir stecken in einem Denken fest, das vor rund 10 000 Jahren als Überlebensmodus entstanden ist. Die Existenz als solche steht über jeglicher Qualität der Existenz (vgl. S. 78) ist eine anarchistische Kritik an den Verhältnissen, dem „Existieren um jeden Preis“ (S. 78). Es gibt verschiedene Bilder, die uns suggerieren, dass etwas größer ist als wir. Gott ist größer als wir, der Staat ist größer als wir. Das Ganze soll immer größer sein als wir, die wir die Summe unserer Mannigfaltigkeit sind. (S. 107) Aber: „Das Ganze ist nicht größer als die Summe seiner Teile. Tatsächlich ist das Ganze weniger als die Summe seiner Teile.“ (S. 111) Wenn Komponenten nicht zählen, Hauptsache dem Ganzen geht es gut, ist das gefährlich (Ebda.).

„Wir fühlen uns schlecht angesichts leidender Arbeiter, aber Profite müssen erzielt werden, Firmen müssen um der reinen Existenz willen weiterexistieren. Diese beiden Denkweisen – hier das Überleben, dort die Profitabilität – sind synonym.“ (S. 125) Folglich sind feministische, anti-kapitalistische und anti-rassistische auch ökologische Handlungen. Das erinnert mich an folgendes Zitat: „Faire Wahlen zu gewährleisten ist eine Klimaaktion. Gegen extreme Vermögensungleichheiten vorzugehen ist eine Klimaaktion. Die Hassmaschinen der sozialen Medien abzuschalten ist eine Klimaaktion. Eine humane Einwanderungspolitik, der Kampf für die Gleichberechtigung der Races und Geschlechter, der Einsatz für mehr Respekt vor den Gesetzen und ihre Anwendung, die Stärkung einer freien, unabhängigen Presse, die Verbannung von Waffen aus dem Land, in dem man lebt – all das sind bedeutsame Klimaaktionen.“ (Jonathan Franzen: „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“, 2020, Rowohlt: Hamburg, S. 36)

„Man denkt Zukunft und meint: radikal anders als die Gegenwart. Man denkt, ich muss erst mein ganzes Denken ändern, erst dann kann ich wirklich etwas bewirken.“ (S. 118) Aber das ist Ackerbau-Religions-Logik, um Hierarchien zu erhalten, die Eigentum schützen. In der Moderne setzen wir Eigentum mit Besitzverhältnissen gleich (S. 123), die wir durch die Sprache des Rechts und Subjektstatus erhalten. Einige besitzen Recht, andere werden davon ausgeschlossen. Wenn aber allen Erscheinungsformen Existenzrechte und Subjektstatus zugesprochen werden, sie alle „das Recht auf“ haben, kann nicht eines über das andere verfügen. „Auf den Maßstab der Erde angewendet, versagt die Sprache des Rechts.“ (Ebda.)

Denken

„Was zählt, ist nicht so sehr, was du denkst, sondern wie du denkst.“ (S. 84) Es macht einen Unterschied, ob ich mich als Teil des Ökosystems, als Phänomen der Biosphäre begreife oder nicht. Wenn wir ändern, wie wir über die Dinge denken, könnten wir ökologisch gesunden. Die Verbindungen zu nicht-menschlichen Wesen sitzen tief in unseren Körpern, sind in unserer DNA verankert, trotzdem wir sie im philosophischen und gesellschaftlichen Raum stets durchtrennen, existieren sie „wie Gedanken, die wir nicht wahrhaben wollen und die dann in Albträumen auftauchen.“ (S. 87) Aber: „Ökologisches Bewusstsein setzt keine Erleuchtung voraus, auch das sich abgeschnitten fühlen ist ein Modus ökologischen Bewusstseins“ (S. 101)

Morton schlägt vor, sich klar zu machen, dass es unendlich viele Kontexte und Perspektiven gibt, das alles immer je nur ein Ausschnitt dessen ist, was uns zu betrachten gelingt, gelingen kann. (vgl. S. 104) Er schlägt vor, sich klar zu machen, dass wir Raum-Zeit durch unseren Erwartungshorizont erleben, durch den wir einen bestimmten Standpunkt einnehmen, eine Metapher für eine bestimmte Haltung. „Man weiß, dass Ideen Haltungen kodieren, insofern als sie immer eine Denkweise implizieren, eine Haltung, und dass dies erklärt, wie Propaganda funktioniert.“ (S. 84) Er schlägt vor, sich auf unseren Zusammenhang in der Welt einzustimmen, einzulassen, zu begreifen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Bewegung und Stillstand, zwischen hier und dort (S. 194). „Ökologisches Bewusstsein bedeutet, sich über unbeabsichtigte Folgen im Klaren zu sein.“ (S. 60)

Gegen Ende des Buches geht Morton auf Effizienz und eine eingeschränkte Ökonomie ein, Antworten auf die Klimakrise. Effizienz ist perspektivisch gebunden, kann also keine Antwort auf alle Zusammenhänge finden, da sie „keine Fehlfunktion und Zufälle zulässt“, stellt Morton fest: „Reibungsloses Funktionieren ist immer ein Mythos.“ (S. 234) Die „beschränkte Ökonomie“ will Wirtschaftsströme auf ihre endliche Größe und Kapazität beschränken. Das klingt vernünftig, ist aber spirituell unbefriedigend. (Ebda.) Es ist notwendig, dass wir uns eine neue Spiritualität finden, vielleicht eine Mischung aus Buddhismus, Psychoanalyse und Popkultur. Morton gibt Hoffnung und Perspektive, „ein Mensch kann von seinem Trauma genesen.“ (S. 236) Doch die Lösung liegt weder ausnahmslos in der Judikative noch in der Planung: „Eine künftige ökologische Gesellschaft muss also etwas planlos, kaputt, lahm, verdreht, ironisch, albern und traurig sein.“ (S. 60) Das gilt auch für ihre politischen Organisationsformen. „Wir werden lernen müssen, mit dem Fehlen eines offensichtlichen festen Bedeutungsgrundes, des einen Maßstabs, auf dessen Grundlage wir sehen und handeln, spielerisch umzugehen. Auch dies wird schwierig sein, aber nicht unmöglich.“ (S. 238) Das Spiel, das Experiment, die Poesie sind die Formen unserer Hoffnung.

Timothy Morton: Ökologisch sein. Matthes & Seitz, Berlin, 2019. 8°, illustr. Orig.-Kart., 249 S., 3 Bll.

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1 Agrilogistik=vorherrschende agrarische Wirtschaftsweise, die in Mesopotamien und anderen Weltgegenden (Afrika, Asien, die Amerikas) um 10 000 vor unserer Zeitrechnung ihren Anfang nahm; sie unterliegt einer Logik, die mit dem Überleben zu tun hat (S. 59)

2 s. auch Karen Barad über Verschränkung, http://openhumanitiespress.org/books/download/Dolphijn-van-der-Tuin_2013_New-Materialism.pdf

3 Bei Bruno Latour über die Akteur-Netzwerk-Theorie und Rosi Braidotti über Posthumanismus kann man mehrlesen.